Warum schwärmen alle von Marrakesch?

Djeema el Fna, Marrakesch
Djeema el Fna, Marrakesch

Marrakesch, der Name verspricht eine Prise Orient vom Feinsten. Gewürze, Farben, Klänge, den Basar mit seinem eigenen, exotischen Kosmos. Den Zauber aus 1001 Nacht halt.

Diese Erwartung landet mit mir auf dem Rollfeld nahe der Stadt.

Taxi zum Riad, den Koffer im Haus geparkt und los. Zu Fuß das fremde Terrain erkunden. Größer werdende Kreise ziehen und neugierig die Umgebung erkunden, so wie ich das in jeder neuen Stadt gern tue – in Marrakesch keine Chance. Verlaufen ist vorprogrammiert.
Erstaunlicherweise funktioniert die Navigation selbst in den hintersten Winkeln dieses Labyrinths aus dicken Mauern und engen Gassen. Dummerweise outet man sich mit Handy in der Hand sofort als Neuankömmling in der Stadt – als Zielscheibe selbsternannter, geschäftstüchtiger Stadtführer im Schlepptau.

Unnötig, mit etwas Glück kommt man sowieso irgendwann zum großen Platz. Über dem eine magische Atmosphäre wabert. Sagen alle, die schon dort gewesen sind.

Djeema el Fna. La place. Platz der Gehängten. Platz der Gaukler.

Jedenfalls d e r zentrale Platz in Marrakesch. Bühne der täglichen Show, die jeden Abend aufs Neue das immer Gleiche aufführt.

Hauptdarsteller: Feuerspucker, Schlangenbeschwörer, die derart schräg flöten, dass die Schlangen froh sind, taub zu sein, Trommler, die den Rhythmus nicht erfunden haben und das mit Lautstärke kaschieren wollen.

Affen mit Windelhosen, am Hals angekettet, die gegen Geld auf Touristenschultern für ein Foto posieren. Preisboxer, halbe Kinder noch, auf die man wetten kann wie schnell sie zu Boden gehen. Verschleierte Frauen, die lauthals meine Hände mit Henna bemalen wollen, Schwarze, die vermutlich schwarz iPhone und Uhren verscherbeln.

Der Alte und seine Zangen, mit denen er bei Bedarf kaputte Zähne behandelt (etliche Exemplare wie Trophäen vor sich aufgehäuft). Der Geruch der Pferde, die vor den Kutschen mit den Hufen scharren.

Die Postkartenexotik muss woanders sein.

Vielleicht an den Ess-Ständen. Da, wo die Grills qualmen. Der Weg durch die Fressgasse gleicht einem Spießrutenlauf. Aufdringliche Einfänger verstellen den Weg, ungepflegte Männer mit schlechten Zähnen und fleckigen Kitteln rufen: „Beste Ware, beste Ware, bei uns kriegst du garantiert keinen Durchfall!“ ihre Werbeparolen in der Dauerschleife. Im nächsten Gang kein Ding besser, im Angebot: Schafsköpfe und Gedärme. Mir vergeht der Appetit.

Nächster Versuch, das orientalische Märchen zu finden: die Souks.

Aladin lässt grüßen in den Souks
Aladin lässt grüßen in den Souks

Ich lasse mich im Gewirr des Basars treiben. Hier pulsiert das Herz der orientalischen Kultur. Gewürzpyramiden (wie halten diese bloß), bunte Keramik, Lederstraßen und Gassen mit Metallzeugs. Eine schier unendliche Fülle von Ledertaschen, Poufs, Babouche, die bunten Pantoffeln und Tücher in knallbunten Farben. Silbern glänzende Lampen, Kannen und Tabletts.

In ihrer Gesamtheit sind sie vollkommen, doch sobald man ein Teil herausnimmt, kommt einem das vor wie die falsche Wahl. Die Illusion zerfällt. Schlecht verarbeitet, Flecken, Fehler … Kein Problem, sagt der Händler, ich hab mehr Ware. Schwadroniert ohne Pause auf mich ein, zeigt mir dies und das und zehn andere Teile, die ich nicht brauche. Schauen Sie Madame, gute Ware, guter Preis, schauen Sie nur. Würde ich ja gern, er lässt mich nur nicht. Vielleicht weil das mit der Qualität doch nicht immer stimmt.

Ich feilsche. Weil es in dieser Kultur dazugehört, das Spiel um den besten Preis. Gewinnen wird immer der Händler. Weil er die Menschen kennt, ihm entgeht kein noch so verstohlener Blick. Zeige ich Interesse, hab ich bereits verloren. Und fühle mich trotzdem als hätte ich gerade das Geschäft meines Lebens gemacht. Um später zu merken, dass das Schnäppchen doch nicht ganz so einwandfrei ist wie es noch im Basar aussah. Das nächste Mal lass ich mich nicht ablenken, denke ich. Wie lustig.
Ich würde gern hier und da eine Kleinigkeit kaufen, verliere aber die Lust, mit jedem Händler von Neuem zu feilschen. Oder dessen Mondpreise zu akzeptieren.

Ich laufe durch die Gassen der Medina. Voller Dreck, Müll, Essensabfälle. Statt Asphalt knöcheltiefe Löcher im Lehmboden. Gestalten in langen Gewändern, die mit mürrischem Blick hektisch vorbei huschen. Am Boden hocken die ärmsten der Armen, ein paar Kräuter, eine Handvoll Sardinen oder irgendwelchen Trödel vor sich ausgebreitet zum Verkauf für ein paar Dirham. Eselkarren, Mopeds und Fahrräder bahnen sich den Weg durch die Menschen. Yalla, yalla, schnell, schnell, schreit es von allen Seiten. Wie kann man so leben? Wird man blind für das, was vor der Haustür passiert?

Der Zauber aus 1001 Nacht? Hier definitiv nicht.

Wo sind die stylischen Häuser aus meiner Instagram-Timeline?

In den Riads? Viele dieser Stadtdomizile wurden zu Gästehäusern oder Restaurants umgebaut. Stilvoll und persönlicher als viele Hotels, arabische Gastfreundlichkeit inklusive. Riads liegen mittendrin, oft sehr versteckt im Gassenlabyrinth der Altstadt. Auch das, in dem ich für ein paar Tage wohne, in der Nähe der Medersa Ben Youssef. Abseits der „Touristenmeile“, weiß Gott keine einladende Gegend, doch hinter den schweren Türen öffnet sich eine andere Welt.

Riad Marrakesch

Innenhof Riad

Ich mag die Bauweise arabischer Häuser. Die Symmetrie, offener Innenhof mit Orangenbäumen und plätschernden Brunnen. Üppig verzierte Holzschnitzereien, kunstvolle Türen und Fenster, bunte gemusterte Keramikböden und Kacheln. Bunte, gemütliche Sitzmöbel und oben blauer Himmel. Eine Festung ohne Fenster, Blicke bleiben draußen.

Das Beste: Dachterrassen mit Sicht über die Stadt, die weißen Gipfel des Atlasgebirges. Und für die Frauen eine Gelegenheit, mit anderen zu plaudern – ganz ohne Kopftuch und Burka. Ab und an weht der Duft einer köstlichen Tajine herauf.

Da hat er sich also versteckt, der Traum von 1001 Nacht. Zugänglich für die, die ihn sich leisten können.

Nach dem Abheben in Marrakesch kann ich den Atlas noch einmal in voller Pracht sehen. Die Eindrücke werden verschwimmen, das Schöne wird das Hässliche verschlucken. Das Bunte, das Exotische, die Düfte bleiben. Und mit der silbernen Teekanne, die ich in dem kleinen Laden abseits der Touristenpiste gefunden habe, jedesmal ein bisschen schöner.

Verzaubert hat Marrakesch mich nicht.

Teekanne

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