Istanbul zwischen Minarett und Minirock

Dreh- und Angelpunkt für Besucher ist – ganz wörtlich – die Galatabrücke: Von hier legen die Fähren ab nach Kadaköy, Üsküdar oder Harem; werden Balik Ekmeks von den letzten drei Booten an die Massen verkauft. Am anderen Ende der Brücke beginnt der Stadteil Beyoğlu, zwar immer noch auf der europäischen Seite, aber doch mit komplett anderer Fassade. Markenläden, Starbucks und Co., Kunstgalerien, Arkaden und Bars säumen die drei Kilometer lange Istiklal Caddesi, die von Tünel an der Galatabrücke bis zum Taksimplatz bergan führt. Die gemütlichere Route: Tramway T1 bis Kabataş und von dort mit der Funiculaire bis zum Taksim. Für Shopping-Queens beginnt hier das Glück. Für alle anderen kollektives Nachuntengleiten. Wem das Gedränge zu groß wird, steigt einfach in die historische Tram, die zwischen Tünel und Taksim pendelt.

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Wir lassen uns treiben und landen wie fernsteuert bald in einer kleinen Seitenstraße im Café. Genauer: in einer Garage. Vollgestopft bis auf den Gehweg mit Tischen und Stühlen, die aus dem Kindergarten stammen könnten, an denen die Leute Backgammon spielen. Und süßen Chai trinken. Oder noch süßeren türkischen Kaffee. Das sind Momente, die ich wirklich mag.
Sokak Kahvesi, Tünel Meydanı (Erkanı Harp Sokak)

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Überfluss und Verschwendung bekommt hier einen Namen: Dolmabahçe (dol-ma-bah-chey). Von außen vergleichsweise unscheinbar, von der Größe mal abgesehen. Geprotzt wurde innen. Kristalltreppe, Gold an den Wänden, Seidenteppiche, Parkettfußböden mit Intarsien. Der Kronleuchter: 4,5 Tonnen, der Empfangssaal: 2000 qm … Opulent? Wäre ein Understatement. Kostbar ja. Schön? Das ist wohl eher Geschmackssache. Trotzdem oder gerade deshalb sehenswert. Zuhause waren in diesem Palast zwischen 1856 und 1922 die Sultane der osmanischen Ära.
Von der Endhaltestelle der Metro in Kabataş sind es etwa 20 Minuten zu Fuß.

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Gepampert von Kopf bis Fuß: einmal Hammam muss sein. Und wenn schon, dann im besten der Stadt, im Ayasofya Hürrem Sultan Hammam. Und dem wahrscheinlich ältesten von Istanbul, bauen lassen hat das Gebäude 1556 Sultan Suleiman zwischen der Hagia Sophia und der Blauen Moschee. 90 Minuten Luxus ohne Wenn und Aber. Teuer, aber ich habe jede Minute davon genossen.
Cankurtaran Mahallesi Ayasofya Meydani 2

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Das Kontrastprogramm zum alten Zentrum von Istanbul liegt in Asien, auf der gegenüberliegenden Seite des Bosporus. In Kadaköy gibt es weniger Gestern und mehr Heute. Frauen, die in Eminönü entweder Touristen, verschleiert oder überhaupt nicht sichtbar sind, gehören hier wie in Beyoğlu zum normalen Straßenbild. Cafés, Feinkostläden, Boutiquen und (unvermeidlich) Fastfoodlokale ketten sich aneinander. Kein Geschreiwettbewerb der Verkäufer, kein Ohrabkauen bis man entnervt kauft, was man nicht braucht, keine separaten Tourispeisekarten mit Apothekenpreisen wie in Fatih. Und nicht so kosmopolitisch wie in Beyoğlu. Stattdessen entspanntes Leben auf türkische Art. Über glühenden Kohlen handgebrühter türkischer Kaffee im Kupferkännchen, Chai für 30 Cent und ein ehrliches Lächeln dazu geschenkt. Wir hätten Istanbul nur lückenhaft erlebt, wären wir nicht hergekommen. 20 Fährminuten, die sich wirklich lohnen.
Fähre nach Kadaköy tagsüber alle 10 min vom Pier in Eminönü an der Galatabrücke. Oder mit der nagelneuen Marmaray unter dem Meer hindurch in zirka vier Minuten.

Türkischer Kaffee

marmaray

 
Am Samstagnachmittag kommen die Einheimischen zu Pierreloti, um Kaffee oder Tee zu trinken. Und wegen der Aussicht auf das Goldene Horn, die nirgends eindrucksvoller ist als hier. Noch schöner als drinnen, sitzt es sich im Garten: Kleine runde Tische mit rotweißkarierten Tischdecken locken selbst im Februar ins Freie. Nackte Glühbirnen zaubern abends eine romantische Stimmung, während unten die Millionen Lichter der Stadt glitzern. Der französische Autor Julien Vaud, schrieb unter dem Pseudonym Pierre Loti, saß hier oft und ließ sich inspirieren für seinen ersten Roman, dessen Handlung in Istanbul spielt. Die Leute mochten seine Geschichten über das Leben und den Tod, also nannten sie zuerst das Café und später den ganzen Hügel im Stadtteil Eyüp nach Loti. Beliebt ist das Café auch wegen der bequemen und stilvollen Anreise: Eine Seilbahn erspart den 20-minütigen Aufstieg. Der wiederum auch seinen Reiz hat und durch einen großen moslemischen Friedhof am Hang nach oben führt. Unten die Toten, oben brummt das Leben. Einen besseren Platz, um Loti zu würdigen, könnte man wirklich nicht finden.
Mit dem Bus 99 nach Eyüp und dann den Schildern Teleferik folgen.

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