Schätze der Perche im Süden der Normandie

Blumendorf in der Perche, Normandie

Perche, wo ist denn das? Nicht mal Frankreichkenner im Bekanntenkreis konnten mit dem Begriff etwas anfangen. Ah, in der Normandie! Nie gehört.

Ich auch nicht.

Normandie verband ich mit Küste, Mont Michel, Le Havre und so. Oder mit der Seine. Klar, Monet und sein Garten. Die berühmten Percherons sagten mir dagegen nix. Weiße Pferde, das war für mich Camargue, bisher. Dabei sind sie so typisch für den südlichsten Zipfel der Normandie, dass sie der Region ihren Namen gaben. Nur 140 Kilometer von Paris entfernt, neunzig Minuten mit der Regionalbahn. Das perfekte Ziel für alle, die einfach mal runterkommen wollen, denn hier gehen die Uhren etwas langsamer als anderswo. Rauschende Wälder, grüne Hügel, saftige Weiden, prächtige Manoirs und üppige Bauerngärten – der Begriff Slow Travel könnte hier erfunden worden sein.

Vor der Reise wurde ich gefragt, was ich von der Normandie erwarte. Kulinarisch betrachtet (und das ist meist, was mir zuerst einfällt) sind das die drei „C“: Camembert, Cidre und Calvados. Ein Land über sein Essen zu entdecken, finde ich die beste Art zu reisen.

Weil ich dabei immer wieder überrascht werde.

Camembert und Co. spielen auf meinem Streifzug durch die Perche bald nur noch eine Nebenrolle. Stattdessen gab es mittags im Bistro Spirelli mit Pistou. Oder Tatare mit Pommes. Hausgemacht, bodenständig und sehr lecker. Dazu ein nettes Schwätzchen mit der Chefin, Küsschen für meine Begleiterin Susanne, die gleich ums Eck wohnt.

Verstecktes Paradies im Süden der Normandie

Bei den Regionen ist es ähnlich wie bei den Menschen, es gibt laute und leise. Die Perche gehört definitiv zu den stillen. Die man leicht übersehen könnte. Lässt man sich jedoch auf sie ein, zeigt sie einem ihre wahre Schönheit. Die warmen Farben, Felder mit Getreide, das in der Sonne golden schimmert, apricotfarbene Häuser in der grünen Hügellandschaft, wenig Verkehr, dafür viel entspanntes Leben und freundliche Menschen. Es gibt keine Sehenswürdigkeiten, von La Chapelle-Montligeon mal abgesehen, die Region punktet mit ihrer natürlichen Art. Mit dem wahren Leben. Auch mal mit Spirelli.

Die Pariser verbringen gern ihre Wochenenden hier auf dem Land, um aufzutanken. Das geht ziemlich schnell, ich brauche mir bloß ein Rad zu schnappen und radle durch die Gegend, anstelle des Verkehrs rauscht nur der Wind. Ich komme durch Dörfer mit bunten Bauerngärten und auch der öffentliche Raum blüht in allen Farben.

Um die Perche richtig zu verstehen, fahre ich ins Herz des regionalen Naturparks, ins Manoir de Corboyer. Das Herrenhaus des früheren Landgutes aus dem 15. Jahrhundert ist eines der größten in der Perche und dient heute als Informationszentrum. Wechselnde Ausstellungen zu alten Obst- und Gemüsesorten oder traditionellem Handwerk laden zum Mitmachen ein: riechen, rätseln und anfassen sind ausdrücklich erwünscht.
Vom Haus aus führen vier Spazierwege auf insgesamt acht Kilometern durch den Park. Dabei kann man unter anderem die nur in der Perche vorkommenden Schwarzen Bienen beobachten, die beinahe ausgestorben waren.

Im Garten des stattlichen Anwesens ächzt ein riesiger Pfirsichbaum unter seiner orangeroten Last, umgeben von wilden Kräutern und Heilpflanzen. Schmetterlinge verleihen der Szenerie etwas romantisch Leichtes. Man möchte sich augenblicklich mit einer Flasche kühlem Cidre auf die Wiese setzen und ihnen zuschauen. Oder den Percherons auf der Koppel nebenan.
Ursprünglich wurden die Kaltblütler aufgrund ihrer kräftigen Statur als Arbeitspferde oder als Pferdetaxis in Paris genutzt. Traktoren machten die Muskelkraft irgendwann überflüssig, die Percherons sind dennoch bis heute eine Art Wahrzeichen der Region. Das französische Nationalgestüt Haras du Pin befindet sich ganz in der Nähe, eine Hochburg der Percheron-Zucht.

Vielfalt à la Perche: Bio-Ziegenkäse, Schwarze Bienen und Safran

Wer will, kann die Zutaten für sein Picknick im Naturparkladen kaufen oder im Bistro nebenan genießen, alles Produkte lokaler Erzeuger – vom Honig bis zum Rillette. Nudeln mit heimischen Kräutern oder kostbarer Safran, der in der Perche ebenso gewonnen wird. Und natürlich Käse.

Ziegenkäse vor allem. Der berühmte Camembert wird in der Perche selten produziert, erfahre ich bei Marine und Aurelien. Die beiden Pariser bewirtschaften seit Ende 2015 den Hof in Mauves-sur-Huisne – mit gerade mal 23 Jahren. Als Marine nach ihrem Umweltstudium in der Stadt keinen Job findet, reift der Entschluss mit der eigenen Farm. Wie man Käse macht, haben sie zuvor auf einer Schweizer Alm gelernt. Durch Zufall kommen beide in die Perche – und bleiben. Suchen zwei Jahre nach einem passenden Hof und finden schließlich die 21 Hektar große Ferme des Cabrioles, die sie als erstes auf Bioproduktion umstellen.

Etwa 40 Ziegen, braune und weiße, springen auf dem riesigen Grundstück herum, in der entferntesten Ecke, wie es scheint. Wir machen uns auf die Suche, Aurelien mit dem Hirtenstock voran. Ziegen sind von Natur aus neugierig und so dauert es nicht lang, bis wir von der Herde umringt sind. Streicheln lassen wollen sie sich aber nicht, nur die Kamera mit der Zunge inspizieren.

Zehn verschiedene Sorten Ziegenkäse macht Marine: pur, mit Kräutern, mit Asche oder mit Honig aus den rund 50 Litern Milch pro Tag. Am Wochenende verkaufen sie diese dann im eigenen Hofladen. Mein Besuch fällt auf einen Mittwoch, probieren darf ich trotzdem: Marine holt einen jungen Käse direkt aus der Reifekammer. Schmeckt weniger nach Ziege als ich vermute, sondern sehr frisch, quarkig und vielleicht ein bisschen nach Gras (bilde ich mir ein).

Von Mauves-sur-Huisne fahre ich nach Mortagne-au-Perche, eine der beiden „Hauptstädte“ der Perche. Auf eine konnte man sich nicht einigen in der Region, also gibt es eben zwei.

Bekannt ist Mortagne-au-Perche für eine ganz besondere Spezialität in der Perche: Boudin Noir. Die pechschwarze, würzige, leicht süßliche Blutwurst hat sogar ein eigenes Fest. Jedes Jahr im März wird diese bei der Foire au boudin wie ein Star gefeiert und der beste Metzger gekürt. Jeder hat so sein geheimes Rezept, manche geben Chili dazu, andere Calvados oder räuchern. Bei Habert-Galina Fortes probiere ich vier verschiedene Sorten, mein Favorit: die traditionell gewürzte. Was genau drin ist, verrät der Chef natürlich nicht.

Boudin Noir, das kulinarische Wahrzeichen von Mortagne-au-Perche

Beim Bummeln durch Montagne-au-Perche fallen mir die bunten Fassaden der Geschäfte auf: blau wie das Meer die Poissonnerie, leuchtend rot beim Weinhändler, grün das Geschäft mit den Blumen, dunkelblau mit Gold glänzt das Antiquariat … eine Welt aus lauter Kaufmannsläden. Herrlich. Und ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Was für ein Kontrast zu den uniformen Ladenstraßen anderswo.
Stadtvillen, die an Paläste erinnern finden sich in Mortagne-au-Perche ebenso wie die kleinen, unverputzten Häuser aus hellem Sandstein, deren Türen und Fenster mit braunen Steinen gerahmt sind, die typische Bauweise der Perche.

Mein Hotel, das Tribunal, steht auf dem Platz, wo früher Gericht gehalten wurde, gegenüber der Kirche. Die wurde im hundertjährigen Krieg zerstört, aber ich kann die Ausmaße noch ahnen. Anstelle der Säulen des ehemaligen Kirchenschiffes pflanzte man eine Platanen-Allee. Die Krypta ist noch gut erhalten und wurde vor ein paar Jahren restauriert.
Ein paar Schritte weiter lohnt auch der Innenhof des Margarethen-Klosters einen Besuch. Das Gewölbe erinnert an einen Schiffsrumpf. Der Eindruck täuscht nicht, tatsächlich übernahmen Schiffsbauer während der Wintermonate mangels anderer Aufträge solche Arbeiten.

Mortagne-au-Perche liegt direkt an der Veloscenie, der Radroute von Paris bis zum Mont Michel. Auf verschiedenen Rundtouren kann man den Naturpark Perche wunderbar vom Fahrradsattel aus erkunden. Ich habe mich für die „Dites avec Fleur“ (Sag es mit Blumen) entschieden. Die 27 km lange Strecke verläuft durch die Blumendörfer der Perche, auf nahezu ebenen Wegen durch den Wald. Ein Highlight ist der Stopp in Montligeon, bei der monumentalen Basilika, die alles überragt.

Aber heute Abend wartet erst Mal eine große Portion Boudin Noir auf mich.

Weitere Infos & persönliche Tipps:

Hinkommen: Mit dem Regionalzug in 90 Minuten von Paris Montparnasse. Von Stuttgart aus braucht der TGV nur drei Stunden bis Paris Est, für den Bahnhofswechsel sollte man eine Stunde einplanen.

Essen & Trinken:
Café des Amis, 11, Rue de l’Eglise, Boissy-Maugis
Le Bistrot des Écuries, bistrot-des-ecuries.com
Le Relais Saint Germain, 5 Place Saint Germain, Préaux-du-Perche, www.rerelais-st-germain.com

Übernachten:
Hotel Tribunal, 4 Place du Palais, Mortagne-au-Perche, www.hotel-tribunal.fr
Tipp: Die Boudin Noir mit Apfel und Kartoffelpüree probieren! Im Sommer kann man herrlich im geschützten Innenhof des Hotels essen.

Domaine de Villeray & Spa Pom, Sablons sur Huisne, www.spapom.com
Zum Hotel-Château gehört ein wunderbares Spa, wo man sich mit lokalen Apfelprodukten verwöhnen lassen kann. Das Hotelrestaurant befindet sich ein paar Fußminuten weiter in einer alten Mühle.

Regionaler Naturpark Perche:
Der Nationalpark Perche wurde 1998 gegründet, um die Schätze der Region und das nationale Erbe der Perche zu bewahren, die Umwelt für die nächsten Generationen zu schützen. Soweit die offizielle Version. Die Leute, die hier leben, sagen, es gehe noch um etwas anderes. Um Identität. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee zu sagen: Ich bin ein Normanne. Zu oft wurde die Perche im Laufe ihrer Geschichten auseinander gerissen, nach der Französischen Revolution in vier Teile. Heute gehörte die Region zu den zwei Départments Orne und Eure-et-Loir. Der Parc naturel régional du Perche gibt ihnen vor allem auch eine ideelle Heimat.
Manoir Corboyer, Nocé, www.parc-naturel-perche.fr

Meine Reisen werden zum Teil unterstützt durch Tourismusverbände, Veranstalter und Hotels. Auf Art, Inhalt und Umfang meiner Artikel hat dies keinen Einfluss, meine Meinung bleibt wie immer die eigene. Bezahlte Artikel kennzeichne ich als Werbung.

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