Der Lahemaa Nationalpark ist Estlands größtes Schutzgebiet – und eines der wildesten Naturerlebnisse, die Nordeuropa zu bieten hat. Wälder, Moore, Bärenverstecke, einsame Fischerdörfer an der Ostsee: Lahemaa liegt knapp 80 Kilometer östlich von Tallinn, etwa eine Autostunde entfernt.
Lahemaa Nationalpark auf einen Blick: Lahemaa ist der größte Nationalpark Estlands und liegt ca. 80 km östlich von Tallinn; Fahrtzeit etwa eine Stunde. Das Schutzgebiet umfasst Küstenwälder, Hochmoore, mittelalterliche Gutshöfe und einsame Fischerdörfer wie Käsmu. Wildtiere wie Braunbären, Wölfe und Luchse leben hier noch in freier Wildbahn. Für einen Besuch solltest du mindestens einen vollen Tag einplanen.
Wir sind an Tag 3 unserer Estland-Reise hier, nach einem Abstecher an die Westküste – und ahnen noch nicht, dass dieser Tag der stärkste der ganzen Tour werden wird.
Bei Kuusalu fahren wir von der Autobahn ab. Abfahren heißt in diesem Fall (ganz offiziell): wenden und rechts raus. Auf der Autobahn. Ist aber kein Problem, der Verkehr ist kaum vergleichbar mit dem in Deutschland. Estland ist eines der am dünnsten besiedelten Länder Europas. Und wirkt dadurch gleich viel weitläufiger als es in Kilometern gemessen tatsächlich ist.
So zuckeln wir, scheinbar endlos ohne Gegenverkehr, durch die Wälder des Nationalparks, bevor wir in Käsmu ankommen. Die unzähligen Heidelbeersträucher wirken wie ein flauschiger, grüner Teppich. Schräg einfallende Sonnenstrahlen brechen sich an den Bäumen, eine fast schon mystisches Szenerie.
Natur pur: Bären & Beeren, Wälder & Moore
Stattliche 2.222 Inseln sollen zu Estland gehören. Seen, Flüsse, Moore und Wälder, die mehr als die Hälfte des Landes bedecken. In denen Luchse, Braunbären, Wölfe, Elche sowieso, noch wild leben. Beobachten kann man vor allem die Bären nachts in speziellen Hütten mit Ausguckschlitzen. Direkt ins Moor Viru bog führt ein Plankenweg, den wir aber leider nicht mehr geschafft haben. Ein Dreiviertel-Tag im Lahemaa Nationalpark ist definitiv zu knapp geplant.


Käsmu, wo das Land zu Ende ist
Das Fischerdorf Käsmu liegt am Ende der Landspitze, die in die Ostsee ragt. Eine Straße führt durch den Ort, an der die Häuser wie auf einer Schnur aufgefädelt sind, eins schmucker als das andere. Da ist das Meeresmuseum, zwei kleine Cafés – das war’s. Vögel zwitschern, Möwen schreien, Birken biegen sich im Wind, es riecht salzig nach Meer und Kiefern. Definitiv ein Platz, an dem wir uns gern für ein paar Tage einquartieren würden.
Das Reizvolle an Käsmu ist das, was nicht stattfindet. Jedenfalls nicht in der Vorsaison. Im Sommer gibt es jede Menge Feste hier, erzählt man uns, und auch die vielen Zimmer seien dann meist ausgebucht.



Vom Parkplatz am Ende des Ortes führt ein kurzer Trail bis Jörgs End. Ganz bis zum Ende dürfen wir nicht, da das Gebiet in der Brutzeit gesperrt ist. Auf der 4,5 Kilometer langen Strecke informieren 16 Tafeln über das, was wir am Weg sehen. Über den Mastkiefernwald, aus dem nie Masten für Schiffe geschlagen wurden. Er heißt nur so, weil die Kiefern bis zu 30 Meter hochwachsen. Oder über den Steinhaufen, für den der schwedische König verantwortlich sein soll. Die Birken wachsen hier bis ans Ufer und im Wald, der fast bis ans Wasser reicht, gibt es im Herbst Unmengen Pilze. Wir können uns nur schwer losreißen von diesem Ort, der uns sofort in seinen Bann gezogen hat.






Über Võsu kommen wir zum ehemaligen Gutshof Vihula, der heute ein Country Club & Spa ist, kurz darauf zum Herrenhaus von Sagada. Beide lassen wir links liegen, um beim Gut Palmse einen Stopp einzulegen.
Alte Gutshöfe und coole Restaurants
Das bekannteste, aber beileibe nicht das größte Gut in Estland, wurde zum Museum umfunktioniert samt Gesindegebäuden und Barockgarten mit Teich. Das Besucherzentrum des Nationalparks ist ebenfalls mit eingezogen. Auf dem Dach der hauseigenen Brennerei hat sich ein Storchenpaar niedergelassen, das zur Begrüßung gar nicht mehr aufhört mit Klappern. Palmse ist hübsch hergerichtet, keine Frage, uns aber ein wenig zu touristisch, sodass wir uns nicht allzu lange aufhalten.


Eine halbe Stunde später sitzen wir wieder am Meer, diesmal in Kaberneeme. Der kleine Fischerhafen, ein paar Boote, Möwengeschrei – kein schlechter Ort für den letzten Stopp des Tages. Damals hat uns hier das Restaurant Oko begeistert: ein umgebauter Bootsschuppen mit Meerblick, gebackene Sprotten, selbst geräucherte Ente, Ziegenkäse-Eis mit Kirschen; unkonventionell, lokal, unvergesslich.
Update 2026: Das Oko existiert in dieser Form leider nicht mehr. Wer in der Region essen möchte, schaut am besten vorab auf visittallinn.ee nach aktuellen Empfehlungen. Die estnische Gastronomieszene entwickelt sich rasend schnell und neue Adressen entstehen ständig.

Infos & Adressen
Hinkommen Mit dem Mietwagen von Tallinn auf der E20 Richtung Narva, Abfahrt bei Kuusalu. Bis zum Nationalpark ca. 1 Stunde (80 km). Ein Auto ist Pflicht — die Highlights liegen zu weit auseinander für öffentliche Verkehrsmittel.
Besuchen Gutshof Palmse (Palmse mõis), Lahemaa Nationalpark — Museum, Barockgarten, Besucherzentrum des Nationalparks. Eintritt und aktuelle Öffnungszeiten: palmse.ee
Moor Viru Bog (Viru raba) — Plankenweg direkt ins Hochmoor, ca. 3,5 km Rundweg. Eintritt frei, Parkplatz an der Hauptstraße.
Fischerdorf Käsmu — Spaziergang zur Landspitze (ca. 4,5 km, 16 Infotafeln). In der Brutzeit (Frühjahr) ist das Ende der Halbinsel gesperrt.
Essen & Trinken Hinweis: Das Restaurant Oko in Kaberneeme, das wir damals besucht haben, hat seinen ursprünglichen Standort aufgegeben. Aktuelle Restaurantempfehlungen in der Region findest du auf visitestonia.com.
Weitere Infos Offizielle Tourismus-Website Estland: visitestonia.com Nationalpark-Infos: lahemaa.ee
Hinweis: Diese Reise wurde unterstützt vom Estonian Tourist Board und VisitTallinn.
Häufige Fragen zum Lahemaa Nationalpark in Estland
Wie weit ist der Lahemaa Nationalpark von Tallinn entfernt?
Ca. 80 km östlich von Tallinn, Fahrtzeit mit dem Auto etwa eine Stunde über die E20 Richtung Narva. Ein Mietwagen ist empfehlenswert, da der Park weitläufig ist und die Highlights verstreut liegen.
Was kann man im Lahemaa Nationalpark unternehmen?
Wandern im Moor (Viru Bog Plankenweg), Spaziergang durch das Fischerdorf Käsmu bis zur Landspitze, Besuch des Gutshofs Palmse mit Barockgarten und Nationalpark-Besucherzentrum. Wer Glück hat (oder gezielt bucht), sieht Braunbären in speziellen Beobachtungshütten.
Wann ist die beste Reisezeit für den Lahemaa Nationalpark?
Spätsommer (August/September) für Beeren und Pilze im Wald, Frühling für blühende Wälder und wenig Touristen. Im Sommer ist Käsmu belebt und Zimmer oft ausgebucht — dann besser früh planen oder unter der Woche reisen.
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