Die Vignerons Plaimont im Südwesten Frankreichs tüfteln am Wein der Zukunft. Wie fast vergessene und alte Reben plötzlich Antworten auf den Klimawandel liefern.
Saxofon und Klarinette mitten in den Weinbergen von Château de Sabazan an einem warmen Mittag, unter freiem Himmel. Baptiste Herbin und Nicolas Gardel spielen beim Winzer-Picknick zum Warm-up für das Jazzfestival Jazz in Marciac. Nur zwanzig Minuten Fahrt liegen zwischen Château de Sabazan und dem eigentlichen Festivalgeschehen, und trotzdem fühlt sich dieser Mittag für mich an, als wäre das Musikfest einfach ein Stück weiter in die Weinberge gerückt.

Die Appellation Saint Mont: Weinbau zwischen Pyrenäen und Atlantik
Die Weinberge von Château de Sabazan werden von den Vignerons Plaimont bewirtschaftet. Plaimont ist keine einzelne Domäne, sondern ein Zusammenschluss zahlreicher Winzer aus der Region, entstanden aus der Überzeugung, dass sich gemeinsam mehr bewegen lässt. Deshalb geht es bei Plaimont auch um mehr als eine Rebsorte oder einen einzelnen Wein. Es geht um die Landschaft, die Menschen, ihre Kultur. Um Wurzeln.
Saint Mont liegt im Südwesten Frankreichs, dort, wo sich die Hügel der Pyrenäen mit der Landschaft der Gascogne verbinden.
Die Geschichte des Weinbaus in Saint Mont reicht bis ins Jahr 1050 zurück, als Benediktinermönche das Kloster gründeten und Pilger auf dem Jakobsweg den Ruf der Weine verbreiteten. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden diese über den Adour bis nach England und in die Niederlande verschifft. Das Kloster oberhalb des Dorfes Saint Mont ist heute ein charmantes Boutiquehotel. Eine Idylle.
Was 1957 mit dem Zusammenschluss engagierter Winzer für den Erhalt der Weine von Saint Mont begann, führte über die visionäre Arbeit von André Dubosc und den 1979 gegründeten Verbund Plaimont schließlich zur AOC Saint Mont im Jahr 2011. Heute umfasst die Appellation rund 1.200 Hektar Weinberge, verteilt über die Départements Gers, Hautes-Pyrénées und Pyrénées-Atlantiques.


Der Fluss Adour, der sich durch die Landschaft zieht, sorgt für etwas Abkühlung, während Berge und Atlantik das Klima mitprägen: warme, oft gewitterreiche Sommer, milde Winter und vor allem kühle Nächte. Dazu kommen sehr unterschiedliche Böden aus Sand, Kalk und Lehm, drei völlig unterschiedliche Handschriften auf engstem Raum, wie mir Olivier Bourdet Pées, Direktor von Plaimont, anschaulich an einem ausgehobenen Stück Erde zeigt.
Die Weinbranche steht auch hier vor großen Herausforderungen, eine der größten: der Klimawandel. Die Lese beginnt heute deutlich früher, teils schon Anfang bis Mitte August, vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar. Mit der früheren Reife steigen die Alkoholgrade, verändern sich Tannin- und Aromaprofile.
Wie bekommt man also bei immer weiter steigenden Temperaturen noch ausgewogene Weine hin? Antworten finde ich im Rebsorten-Atelier von Plaimont im Ort Saint Mont.
Das Rebsorten-Atelier: Tannat, Tardif und Trends für die Weine der Zukunft
Das Atelier des Cépages ist ein Experimentalkeller, der auch Gästen offensteht. Ich treffe dort Elodie Gassiolle, die das Atelier leitet und in kleinsten Mengen vinifiziert, was der große Keller sich noch nicht traut oder noch nicht kann. Die Frage, die hier über allem schwebt, klingt einfach und ist es doch nicht: Wie soll Wein aus dieser Region in zehn, zwanzig Jahren schmecken?

Am Beispiel der Rebsorte Tannat lässt sich das gut erklären. Die Sorte neigt von Natur aus zu Kraft und Fülle. Lange Hitzeperioden verstärken dies: Die Trauben bekommen mehr Zucker und damit mehr Alkohol sowie kräftigere Tannine. Die Balance, die einen Wein trinkbar macht, verschiebt sich zunehmend.
Genau da setzt eine Idee von Plaimont an: Rebsorten nicht als Marke zu verstehen sondern als Werkzeug. Wenn sich die Bedingungen ändern, sollten sich womöglich auch die Instrumente ändern.
Bevor eine alte Sorte überhaupt eine zweite Chance bekommt, wird untersucht, warum sie damals verschwunden ist. Manchmal war die Qualität nicht überzeugend, manchmal war die Sorte krankheitsanfällig, oft war es schlicht eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Ein Winzer konnte sich eine geringere Erntemenge nicht leisten.
Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit: den richtigen Standort finden, die passende Unterlage, den Ertrag justieren, den Lesezeitpunkt austesten, an Extraktion und Ausbau feilen. Jede dieser Stellschrauben kann entscheiden, ob aus einer Wiederentdeckung am Ende ein trinkbarer Wein wird oder eine Randnotiz bleibt.

Der tatsächliche Engpass dabei: Zeit. Jedes Testjahr kostet Geld und bringt erst einmal nur Wissen, keinen verkaufsfähigen Wein. Man könnte es ein Rennen nennen, nur dass niemand genau weiß, wie viel Vorsprung Klima und Markt gerade haben.
Und dann fällt im Atelier ein Name, den man sich merken sollte: Tardif.
Tardif ist eine Rebsorte, die lange als verschwunden galt, doch unter den heutigen Klimabedingungen eine Renaissance erleben könnte. Für Plaimont ist Tardif Hoffnung und Lösung zugleich: Die Sorte reift spät, bringt eine würzige Aromatik mit, ohne in extreme Tanninstärke zu kippen. Ein Gegenentwurf zu allem, was der Klimawandel gerade erschwert.
Wiederentdeckt wurde die Sorte bereits um das Jahr 2002 herum, doch erst 2024 wurde Tardif als Ergänzungsrebsorte in der Appellation Saint Mont zugelassen. Noch wird Tardif nur in kleinem Maßstab gepflanzt, etwa ein bis anderthalb Hektar pro Jahr, aus wenigen historischen Stöcken heraus aufgebaut.
Der Weinberg als Monument Historique: Wo die Reblaus scheiterte
Ganz in der Nähe, in Sarragachies, gibt es den bislang einzigen Weinberg in Frankreich, der seit 2012 als historisches Monument klassifiziert ist: nur knapp zweitausend Quadratmeter groß, aber geschichtsträchtig.

Sarragachies: Frankreichs erster und bislang einziger Weinberg unter Denkmalschutz. Über 200 Jahre alte, wurzelechte Reben machen diesen Ort zu einem Schatz für die Weinbauforschung.

Auch die Art, wie hier gepflanzt wurde, zeugt von der langen Weinbaugeschichte: ein traditionelles Quadrat- oder Doppelstock-System, bei dem die Reben in zwei Richtungen wachsen können. Eine Reberziehung, die man kaum noch irgendwo findet, weil sie mehr Handarbeit braucht als moderne Zeilen.
Ich stehe zwischen Rebstöcken, die fast zweihundert Jahre alt sind, manche so dick wie ein Oberschenkel. Und wurzelecht, wie Winzer Eric Fitan betont, also nicht auf amerikanische Unterlagen gepfropft, wie es heute fast überall Standard ist. Der Grund ist simpel: Der sandige Boden hier war für die Reblaus, die im 19. Jahrhundert fast den gesamten europäischen Weinbau vernichtete, offenbar unbewohnbar. Die Pflanzen überlebten, während anderswo alles neu angebaut werden musste.

Die Villa Saint Mont: Jazz in Marciac
Mein Tag endet dort, wo das Festival zu Hause ist: Marciac. In der Villa Saint Mont, ebenfalls ein Ort von Plaimont, feiere ich an diesem Abend mit allen anderen den Wein, die Musik, das Leben.
Hier schließt sich der Kreis: Was am Vormittag im Weinberg und im Experimentalkeller noch abstrakt klang, Sandboden, Rebsorte, Klimaanpassung, landet jetzt einfach im Glas. Der Saint Mont, den ich an diesem Abend trinke, schmeckt anders als noch vor zehn Jahren. Jetzt weiß ich auch, warum.
Und was diese Region ausmacht: Wein, Landwirtschaft und Kultur greifen hier ineinander wie kleine Zahnräder, die sich gegenseitig antreiben. Eine Rebsorte namens Tardif, die fast vergessen war, könnte am Ende darüber entscheiden, wie diese Region in Zukunft schmeckt.

Vorgestellt: Zwei Weine, zwei Charaktere des Südwestens

Wer die Weine von Plaimont entdecken möchte, begegnet einer Region mit viel Charakter und Winzern, die ihre Tradition nicht einfach bewahren, sondern immer wieder neu denken.
Der Le Fleur und der Cépages d’Auteurs stehen dafür stellvertretend. Der eine zeigt, wie zugänglich und unkompliziert Tannat sein kann. Der andere erzählt mit Tardif die Geschichte einer fast vergessenen Rebsorte, die dank der Beharrlichkeit der Winzer wieder ihren Platz im Weinbau gefunden hat.
Zwei unterschiedliche Weine. Verbunden durch die Liebe zum Südwesten Frankreichs, den Respekt vor seinem Weinbauerbe und die Lust, daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
Vin Le Fleur rouge
Ein Wein aus der Gascogne, genauer aus dem französischen Département Pyrénées-Atlantiques, als IGP Comté Tolosan – Pyrénées Atlantiques.
Tannat muss nicht immer schwer, dunkel und tanninreich daherkommen. Der Le Fleur 2025 von der Cave de Crouseilles zeigt die Rebsorte von ihrer charmanten Seite. Zusammen mit Cabernet Franc entsteht ein saftiger, fruchtiger Rotwein, der unkompliziert ins Glas kommt.
Dunkle Beeren, Kirsche und ein Hauch florale Noten, dazu angenehme Frische und weiche Tannine. Ein Tannat, der eher zum nächsten Schluck einlädt, als Respekt einzuflößen.
Die Cave de Crouseilles liegt im Béarn am Fuß der Pyrenäen und gehört seit 1999 zum Winzerverbund Plaimont. Der Le Fleur stammt aus dem Département Pyrénées-Atlantiques und wird heute als IGP Pyrénées-Atlantiques geführt. Ältere Jahrgänge waren noch als Comté Tolosan etikettiert.
Kurz gesagt: ein zugänglicher Tannat für alle, die diese charaktervolle Rebsorte einmal von ihrer fruchtigen, unkomplizierten Seite kennenlernen möchten.
Passt am besten zur Vesper, Pizza & Pasta, Gemüse- und Asiaküche. Tipp: Gekühlt bei 12-14 Grad trinken, auch wenn’s ein Rotwein ist 😉
Cépages d’Auteurs Tannat Tardif
Manchmal beginnt eine gute Weingeschichte mit zwei alten Rebstöcken.
Genau so ist es beim Cépages d’Auteurs. Der Tardif, eine fast vergessene Rebsorte aus Saint Mont, wurde aus zwei noch erhaltenen, wurzelechten Rebstöcken aus der Zeit vor der Reblaus gerettet.
Was mit jahrelanger Forschung und viel Geduld begann, ist heute ein wichtiger Teil der Zukunft des Weinbaus von Plaimont. Seit 2024 ist Tardif als ergänzende Rebsorte in der AOC Saint Mont zugelassen. Der Jahrgang 2024 war der erste Saint Mont, in dem Tannat und Tardif gemeinsam ins Glas kamen.
Und diese ungewöhnliche Kombination hat es in sich: Tannat bringt Frucht und Struktur, Tardif sorgt für Frische und pfeffrige Würze. Beide Sorten werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten gelesen. Der Tannat Ende September, der langsam reifende Tardif erst Anfang Oktober.
Im Keller geht man bewusst behutsam vor: wenig Eingriff, sanfte Extraktion, viel Raum für die Eigenart der Trauben.
Das Ergebnis ist kein wuchtiger Südwest-Franzose, sondern ein frischer, saftiger und erstaunlich eleganter Rotwein. Beeren, feine Säure und Pfeffer spielen zusammen. Ein Wein mit Geschichte und gleichzeitig einer, der ziemlich modern und leichtfüßig daherkommt.
Besonders schön zu Gerichten, die mit Frische und Würze spielen: etwa Rote-Bete-Salat mit Ziegenkäse und Pekannüssen, Lachstatar mit Johannisbeere und grünem Pfeffer oder ein leichtes Spargel-Zitronen-Risotto.
Und danach darf es ruhig noch ein kleines Beerentörtchen sein.
Alles Wichtige auf einen Blick
Hinkommen: Mit Air France ab Frankfurt über Paris nach Pau oder mit der Bahn von Stuttgart über Paris nach Bordeaux. Von Pau mit dem Mietwagen weiter nach Saint-Mont (ca. 45 min).
Übernachten: Hotel Monastère Saint-Mont, 627 Rue Bernard Tumapaler, 32400 Saint-Mont, www.lemonasteredesaintmont.com, Verfügbarkeit und Preise checken
Essen & Trinken: Hotel Monastère Saint-Mont
Erleben:
- Plaimont Führung und Verkostung inkl. Atelier Cepages: www.plaimont.com/en/oenotourisme/visits
- Jazz in Marciac
- Ausflüge nach Pau, Biarritz und in die Pyrenäen, Infos unter www.tourisme-gers.com/de und visit-nouvelle-aquitaine.com
Transparenzhinweis: Dieser Artikel entstand in Kooperation mit den Vignerons Plaimont. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf Inhalt und Umfang der Berichterstattung.
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