Das Vins et Tartines in Nancy ist keine Weinbar wie jede andere: Mächtige Gewölbe, gedämpftes Licht und die fast ehrfürchtige Ruhe verleihen dem jahrhundertealten Gemäuer etwas Sakrales.
Doch statt Weihrauch liegt hier der Duft von Brot und Wein in der Luft. Und wer sich von der Sommelière Clotilde Mengin durch die rund 700 Positionen umfassende Weinkarte führen lässt, landet schnell dort, wo Weinliebhaber am liebsten sind: im Weinhimmel.
Vins et Tartines in Nancy ist so ein Ort. Die Gewölbedecke, das gedämpfte Licht, die Stille – man könnte meinen, man stehe in einem Keller, vielleicht in einer Kapelle. Beides stimmt irgendwie. Das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, mitten in der lothringischen Hauptstadt, war einmal ein Gotteshaus, möglicherweise auch ein Gefängnis.
Clotilde Mengin, 41, Sommelière und Eigentümerin dieser ungewöhnlichen Weinbar, nennt es schlicht ihren Tempel.

Den hat nicht sie gebaut, zumindest nicht allein. Ihre Schwiegermutter Danielle, eine Pionierin, die als eine der ersten Frauen Frankreichs Weinwettbewerbe bestritt, legte den Grundstein: eine Bibliothek aus Flaschen, Büchern, Böden und Wissen, über 45 Jahre zusammengetragen. Vor zehn Jahren übergab sie alles an Clotilde.
Was Clotilde aus diesem Erbe gemacht hat, trägt ihre eigene Handschrift. 700 Weine umfasst die Liste, 150 davon aus dem Elsass, dazu Champagner, Mosel, Côte de Toul – und immer mindestens eine Referenz aus Lothringen selbst. Denn Clotilde versteht sich als Botschafterin einer Region, die zu Unrecht im Schatten steht. „Vor der Reblaus hatten wir in Lothringen mehr Weinberge als im Elsass”, sagt sie.

Heute kämpft sie darum, dass Einheimische wie Touristen die lokalen Weine überhaupt erst ins Glas nehmen. Manchmal braucht es Überredungskunst. Und einen jungen Bio-Winzer aus der Region Meuse, dessen Chardonnay für 36 Euro die Flasche selbst skeptische Gäste aus Marseille zum Schweigen bringt.
„I’m just a link between the winemaker and the client. I’m just a poet.”
Ihre Philosophie ist so einfach wie konsequent: „Ich bin nur ein Bindeglied zwischen dem Winzer und dem Gast. Kein Analytiker, ich bin ein Poetin. Ich suche nach den richtigen Worten, um einem Wein seinen Wert zu geben.”
Welcher Wein das ist, entscheidet sie nach Emotion, nach dem eigenen Gefühl und dem der Gäste. Kein Lieblingswein, keine festen Regeln. Und der schönste Satz auf ihrer imaginären Speisekarte: „Das beste Pairing ist das, das dir schmeckt.”


Dann wäre da noch das Essen und hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Denn eine Tartine ist nicht das, was Deutsche sich unter einem belegten Brot vorstellen. Der Name stammt aus dem französischen Frühstücksritual: Brot, Butter, Marmelade, fertig.
Vins et Tartines: Das beste Paring ist das, das dir schmeckt
Bei Clotilde und ihrem Team hat sich das Konzept weit davon entfernt. Das Rillettes vom Huhn mit Chorizo etwa kommt im kleinen Förmchen auf den Tisch, dazu hauchdünne Brotscheiben zum Aufstreichen, zum Teilen, ganz klassisch. Fingerfood im besten Sinne.
Aber dann: eine Tartine mit Jakobsmuscheln auf cremigem Kartoffelstampf, garniert mit lila Gemüsechips. Kein Brot in Sicht. Was hier als Tartine gilt, ist längst ein vollständiges, durchdachtes Gericht. Die Idee hat sich emanzipiert.
Entstanden übrigens aus einer schlichten Lizenzfrage: In Frankreich darf Wein nur mit Speisen ausgeschenkt werden, wenn man keine Bar-Lizenz besitzt. Danielle erfand die Tartine als elegante Lösung. Was als Kompromiss begann, ist heute das kulinarische Herzstück des Hauses.

Welcher Wein zu welcher Tartine angeboten wird, entscheidet Clotilde, auch wenn ihr Mann Jean-Baptiste als Küchenchef der Gruppe das letzte Wort am Herd hat. „Hier sind wir im Tempel des Weins. Der Wein kommt zuerst, dann das Essen.” Er koche nach ihren Hinweisen: Säure, Textur, Salzigkeit, was der Wein braucht, was er verträgt. Eine ungewöhnliche Arbeitsteilung für ein Restaurant in Nancy – und offensichtlich eine, die funktioniert.
In einem Jahr, sagt Clotilde, soll aus dem Tempel eine Kathedrale werden. Mehr Weine offen ausgeschenkt, Blindverkostungen mit schwarzen Gläsern, Abende irgendwo zwischen Weinbar, Erlebnisraum und Überraschung. Große Worte? Vielleicht. Wer Clotilde erlebt, zweifelt allerdings keine Sekunde daran, dass sie ihre Kathedrale des Weins bauen wird – Glas für Glas.


Restaurant et Caviste Vins et Tartines, 25 Bis Rue des Ponts, Nancy, www.vins-et-tartines.com