Reisen war einmal einfach: Koffer packen, losfahren, staunen. Heute wollen wir mehr – und vor allem: das Richtige. Allein unterwegs als Frau, aber sicher. Arbeiten vom Strand, und zwar produktiv. Wandern in den Bergen, bitte ohne Schmerzen in den Knien. Sechs neue Reisebücher zeigen, wie ausdifferenziert die Reiselust geworden ist und wie gut die Verlage darauf reagieren.
Raus aus dem Alltag – aber bitte maßgeschneidert
Welches davon passt zu mir? Diese Frage stellt sich kaum noch, weil die Auswahl so groß ist – sie stellt sich, weil die Antwort so persönlich geworden ist. Von der Workation in Lissabon bis zur Weinprobe im Schwarzwald, vom Solotrip durch Japan bis zum Sonntagsspaziergang durch Salzburg: Wir haben alle sechs gelesen – und sagen, für wen sich welches lohnt.
Zwei Bücher beginnen mit einem Versprechen: kein Stress, keine Rekorde, kein Höhenmeter-Zählen.
Langsam, aber weit: Entschleunigung in Südtirol und Salzburg
Wanderzeit in Südtirol
Wanderzeit in Südtirol von Marika Unterladstätter hält genau das. 20 Touren führen durch wildromantische Täler, über Almwiesen, durch das Fischleintal in den Sextener Dolomiten – und nie ist eine Hütte weit, die zum Einkehren einlädt. Was diesen Wanderführer von vielen anderen unterscheidet: die Texte lassen einen mitfühlen.
Man ist in Gedanken schon auf dem Berg, bevor die Wanderschuhe geschnürt sind. Kein Wunder: Die Autorin ist Gründerin des Hotelkollektivs Mountain Hideaways und seit Jahren in den Alpen unterwegs, und das merkt man jeder Seite an. Die ausgewählten Routen sind bewusst kein sportliches Wettrennen auf den Gipfel, sondern Genusswanderungen mit Fokus auf die Pausen: auf die Hütte, auf den Ausblick, auf das Innehalten.
Wer auf der Suche nach knackigen Tagestouren mit alpiner Herausforderung ist, wird woanders eher fündig. Wer dagegen Landschaft, Kulinarik und Atmosphäre verbinden will, bekommt hier genau das richtige Tempo.
Praktisch ist das Buch ebenfalls gut ausgestattet: Zu jeder Tour gibt es GPS-Daten zum Download, dazu Etappenkarten und über 200 Fotos, die schon beim Durchblättern Fernweh auslösen.
Einziger kleiner Wermutstropfen: Wer sich bei technisch anspruchsvolleren Passagen, etwa wurzeligen oder felsigen Steigen, eine genauere Einstufung nach Schwierigkeitsgrad wünscht, muss zusätzlich auf eine App wie Outdooractive zurückgreifen. Für alle, die ohnehin lieber gemütlich unterwegs sind, dürfte das aber kaum ins Gewicht fallen.

Marika Unterladstätter: Wanderzeit in Südtirol. DuMont, 224 S., 18,95 €
Für wen? Für alle, die das Beste aus Südtirol mitnehmen wollen – Bergluft, Hüttenküche und echte Stille –, ohne Konditionswunder oder Ausrüstungsprofi sein zu müssen.
Zu Fuß durch Salzburg
Ähnlich entspannt, aber in urbaner Kulisse: Zu Fuß durch Salzburg von Monika Bruckmoser lädt zu 12 Spaziergängen ein, die weit über die Mozart-Klassiker hinausgehen. Die staatlich geprüfte Fremdenführerin kennt ihre Stadt – und führt auf den Kapuzinerberg, wo Gämsen zwischen Stadtlärm und Stille leben, oder per Lift auf den Mönchsberg mit Blick auf die ganze Salzburger Kulisse. Das Buch ist handlich, die Kapitelstruktur klar: Anreise, Highlights, Einkehrtipps – nicht ausufernd, sondern genau richtig.
Was das Buch von klassischen Stadtführern abhebt, ist die Auswahl der Themen: Statt nur den Erzbischöfen und Mozart auf den üblichen Pfaden zu folgen, lässt Bruckmoser auch vergessene Salzburgerinnen, schräge Zwergenfiguren und moderne Stadtskulpturen zu Wort kommen. So wird aus jedem Spaziergang eine kleine Entdeckungstour, die auch Salzburg-Kenner überraschen dürfte und zwar ganz ohne die übliche Mozartkugel-Romantik.
Wer Salzburg bislang nur vom Domplatz oder aus dem Reisebus kennt, bekommt hier die Stadt aus der Perspektive einer echten Insiderin: bodenständig erzählt, mit Blick für die Details, die man sonst übersieht.
Dass das Buch Teil der „Zu Fuß durch“-Reihe ist, merkt man an der bewährten Machart: kompaktes Format, klare Gliederung, viele Fotos und Karten zur Orientierung – gemacht für die Jackentasche, nicht fürs Regal.

Monika Bruckmoser: Zu Fuß durch Salzburg. 12 Spaziergänge. Droste, 168 S., 15,99 €
Für wen? Für Städtereisende, die Salzburg abseits der großen Touristenströme erleben wollen – und für alle, denen ein guter Spaziergang mehr bedeutet als eine Sightseeing-Liste.
Japan mit allen Sinnen und allen Verkehrsmitteln
Entdeckungsreise Japan
Entdeckungsreise Japan von Isa Ducke und Natascha Thoma kennt keine Anfängerscheu, zeigt aber auch kein Japan nur für Eingeweihte – sondern 30 sorgfältig ausgewählte Touren, gegliedert nach Fortbewegungsmittel: Zug, Insel, Rad, zu Fuß oder alles kombiniert.
Die goldene Route von Kyoto bis Hiroshima, Inselhopping auf Okinawa, eine Radtour durch Tokyos lebendige Kieze, die Breite ist beeindruckend, die praktische Aufbereitung vorbildlich. Stilisierte Karten, Spezialbeilagen zu Festen und japanischer Küche, klare Etappentexte machen das Buch zu einem, das man vor der Reise liest – und auf der Reise braucht.
Dass beide Autorinnen Japanologie studiert haben und das Land seit Jahren aus eigener Anschauung kennen, merkt man dem Buch in jeder Zeile an: Hier schreibt niemand vom Schreibtisch aus, sondern aus gelebter Erfahrung mit Bahnhöfen, Pensionen und Tempelpfaden. Das zeigt sich besonders in den Touren abseits des Mainstreams, etwa der mehrtägigen Radtour über mehrere kleine Inseln oder dem Abstecher nach Shikoku, der kleinsten der japanischen Hauptinseln. Wer nur die üblichen Tokio-Kyoto-Klassiker erwartet, wird hier eines Besseren belehrt.
Großformatige Fotografien sind dabei nicht nur Beiwerk, sondern eigentlicher Trumpf des Buchs: Sie transportieren die Atmosphäre des Landes oft eindringlicher als der Text selbst.
Wer sich allerdings einen klassischen, kompakten Reiseführer für die Jackentasche wünscht, wird mit dem schweren Bildband-Format weniger glücklich – als Inspirationsquelle vor der Reise und als Ideengeber für die individuelle Tourenplanung spielt er seine Stärke aber voll aus.

Isa Ducke, Natascha Thoma: Entdeckungsreise Japan. Mit der Bahn, dem Rad und zu Fuß unterwegs in Metropolen und auf dem Land. DuMont, 232 S., 29,95 €
Für wen? Für alle, die Japan endlich anpacken wollen und einen strukturierten, aber nicht starren Einstieg suchen – und für Japan-Kennerinnen, die abseits der ausgetretenen Pfade neue Wege entdecken möchten.
Reisebücher für Frauen und neue Reisestile: allein unterwegs, digital vernetzt
Mach deine Reise
Zwei Bücher richten sich an alle, die bewusst aus dem Gewohnten ausbrechen wollen.
Mach deine Reise ist kein Reiseführer, sondern ein Erfahrungsbuch: 30 Frauen berichten von ihren Soloabenteuern: auf dem Containerschiff über den Atlantik, bei Rentierhirten in der Mongolei, schwanger durch Marokko, auf dem Jakobsweg. Allen Geschichten gemeinsam ist die Verwandlung, die das Alleinreisen auslöst. Praktische Tipps fürs Essen alleine, für die ersten Schritte zur Soloreise und fünf gute Gründe, es einfach zu wagen, runden das Buch ab. Ehrlich, bewegend und auch für alle lesenswert, die (noch) zuhause bleiben.
Herausgegeben von Lonely Planet, ist „Mach deine Reise“ weniger Reiseführer als Mutmacher – ein großformatiger Bildband, der die 30 Geschichten mit stimmungsvollen Fotografien unterlegt und damit auch optisch zum Schmökern einlädt.
Was das Buch besonders macht: Es geht nicht um die immer gleiche Erzähllinie vom „Mut zur Selbstfindung“, sondern um sehr unterschiedliche Lebenssituationen und Beweggründe – schwanger, mit Pilgerziel, im Rentnerinnenalter oder mitten im Berufsleben. Gerade diese Vielfalt nimmt der Soloreise das Klischee und zeigt, wie unterschiedlich Alleinreisen tatsächlich aussehen kann.
Wer allerdings eine systematische Schritt-für-Schritt-Anleitung sucht – von der ersten Buchung bis zur Sicherheit unterwegs – findet hier eher Inspiration als Anleitung; dafür eignen sich klassische Ratgeber besser. „Mach deine Reise“ punktet stattdessen mit emotionaler Tiefe und der Erkenntnis, dass es selten um die perfekte Vorbereitung geht, sondern um den ersten Schritt.

Lonely Planet: Mach deine Reise. 30 inspirierende Solo-Abenteuer von Frauen für Frauen. Mairdumont, 272 S.
Für wen? Für Frauen, die mit dem Gedanken ans Alleinreisen spielen und Inspiration brauchen – aber auch für alle, die einfach gerne in fremden Geschichten mitreisen.
Workation Travel Guide
Für alle, die Reisen und Arbeiten verbinden wollen: Workation Travel Guide von Barbara Riedel stellt 38 europäische Städte und Orte vor, die nicht nur schön sind, sondern auch die nötige Infrastruktur mitbringen – schnelles Internet, Coworking Spaces, Coliving-Angebote. Von Palermo über Bordeaux bis Göteborg. Ein ehrlicher Mehrwert: Das Buch denkt auch das Thema Lebenshaltungskosten mit, das gerade für Alleinreisende oft unterschätzt wird.
Dass dieses Buch so treffsicher ist, liegt an seiner Autorin: Barbara Riedel hat selbst über Jahre als digitale Nomadin gelebt und von überall aus der Welt gearbeitet. Sie schreibt also nicht über Workation, sondern aus ihr heraus. Das merkt man der Auswahl der 38 Orte an: Statt der immer gleichen Bali- und Lissabon-Klischees finden sich hier auch Städte, die im Workation-Diskurs bislang kaum vorkommen, dafür aber genau die richtige Mischung aus Lebensqualität, Kultur und Erschwinglichkeit bieten.
Was den Travel Guide zu mehr als einer hübschen Ortssammlung macht, ist sein nüchterner Blick auf die Realität des ortsunabhängigen Arbeitens: Coworking-Spaces und Coliving-Angebote werden nicht nur als Lifestyle-Versprechen verkauft, sondern konkret eingeordnet – inklusive der Frage, was ein Aufenthalt tatsächlich kostet. Gerade dieser Punkt fehlt in vielen vergleichbaren Büchern völlig, dabei entscheidet er oft darüber, ob eine Workation am Ende Erholung oder finanzieller Stress wird.
Auch strukturell zeigt sich die Erfahrung der Autorin: Die Städte sind nicht nur nach Schönheit, sondern nach Praktikabilität für arbeitende Reisende kuratiert – mit einem Blick dafür, was vor Ort wirklich funktioniert, und nicht nur danach, was sich gut fotografieren lässt.

Barbara Riedel: Workation Travel Guide. Arbeit und Abenteuer an über 30 traumhaften Orten in Europa. Bruckmann, 224 S.
Für wen? Für alle, die ortsunabhängig arbeiten – oder es endlich ausprobieren wollen – und wissen möchten, wo in Europa die Bedingungen dafür wirklich stimmen.
Genuss als Reiseziel: Wein und Weinberge
52 kleine und große Eskapaden in Deutschland – Für Weinliebhaber
52 kleine und große Eskapaden in Deutschland – Für Weinliebhaber ist Teil der bewährten Eskapaden-Reihe von DuMont – und zeigt, dass Genuss und Bewegung sich prächtig vertragen. 52 Touren zu Fuß oder mit dem Rad führen durch alle deutschen Weinbaugebiete: Mosel, Pfalz, Baden, Franken, Württemberg, Sachsen, Saale-Unstrut. Überall laden Besenwirtschaften und Weingüter zur Rast ein. Das Buch ist ideal für alle, die ein Wochenende draußen verbringen wollen und die Weinprobe als guten Grund verstehen, dafür die Wanderschuhe zu schnüren.
Wie in der gesamten Eskapaden-Reihe üblich, ist auch dieser Band klar gegliedert: in kurze Abstecher für ein paar Stunden, Tagesausflüge und Miniurlaube fürs ganze Wochenende. Jede der 52 Touren bekommt zwei Doppelseiten, genug Platz für Streckenbeschreibung, Karte, Hintergrundwissen zum jeweiligen Anbaugebiet und die praktischen Eckdaten zu Anreise und Dauer. Wer mag, lädt sich die GPX-Daten per QR-Code aufs Smartphone und ist direkt einsatzbereit.
Der eigentliche Mehrwert liegt aber im roten Faden, der sich durch das Buch zieht: Wein ist hier nie nur Beiwerk, sondern fester Bestandteil jeder Tour: von der Steillage an der Mosel bis zum Weinberg-Spaziergang in Sachsen. Das macht das Buch zu mehr als einer reinen Streckensammlung: Es eignet sich genauso als Ideengeber für die nächste Weinprobe wie als Anlass, eine Region komplett neu – nämlich zu Fuß oder mit dem Rad – zu entdecken.

52 kleine und große Eskapaden in Deutschland – Für Weinliebhaber. DuMont, 240 S.
Für wen? Für Weinliebhaberinnen und -liebhaber, die ihre Verkostungen am liebsten mit einem schönen Spaziergang oder einer Radtour verbinden – und dabei ganz Deutschland neu entdecken wollen.
Transparenzhinweis: Alle Bücher wurden mir von den Verlagen kostenlos zur Verfügung gestellt. Beim Buch „52 kleine und große Eskapaden in Deutschland für Weinliebhaber“ war ich als Mitautorin beteiligt.
Titelbild: KI-generiert