Trutg dil Flem – eine Wassersinfonie

Wasserweg Flims

Ein Delta mit unzähligen Äderchen, die kristallklar glitzern, überzieht den Unteren Segnesboden wie ein Netz. Vereinzelt durchschneiden Murmeltierpfiffe die weite Stille. Die Ouvertüre erklingt. Mit leiser Melodie stimmt der Flem ein auf die großen Töne, die er weiter talwärts noch spielen wird. Hier oben auf 2.000 Meter Höhe, unweit des Wasserfalls, beginnt der Trutg dil Flem offiziell.

Trutg dil Flem: 1000+ Höhenmeter auf 13 Kilometer

Wer genug Ausdauer mitbringt, startet am besten an der Cassons Bergstation auf 2.700 Metern und steigt über den Cassonsgrat ab zur Quelle. Moose und Flechten haben einen Farbteppich über den Fels gelegt – ein wahres Fest für Botaniker. Für Geologen sowieso. Über Gestein, das an manchen Stellen wie Blätterteig geschichtet ist, windet sich der Pfad steil abwärts und kreuzt kurz vor der Segneshütte den Weg von Naraus, dem bequemeren Einstieg in den Wasserweg. Lohn für die Extra-Höhenmeter: eine atemberaubende Aussicht auf das Unesco-Welterbe Tektonikarena mit Tschingelhörnern und Martinsloch.

Unterer Segnesboden
Unterer Segnesboden

Selbst wenn man sich als Bergabwanderer die Rast noch nicht wirklich verdient hat, ein Stopp bei Hüttenwirtin Claudia lohnt sich allein wegen der Capuns, einer Graubündener Spezialität. Die Mangoldwickel mit einer spätzleartigen Füllung schmecken in der Höhenluft noch mal so gut – und runter kommt man auch mit vollem Magen noch ganz passabel.

Der markierte Weg führt über sattgrüne Weidewiesen auf der Alp Casson mit wild umher liegenden Steinbrocken, in die der Flem bizarre Formen fräst: kreisrund, oval, manche ausgehöhlt wie Schneckenhäuser.

Über einer engen Felsspalte balancieren drei Steinplatten: die oberste der sieben neuen Brücken. Und die, die am meisten überrascht. Weil sie beinahe unsichtbar wirkt, so sehr fügt sie sich in die Umgebung ein. „Ein Gespür dafür, wo sich der Mensch zurücknehmen muss“, nennt Guido Casty, Initiator des Wasserweges, die landschaftsschonenden baulichen Eingriffe.

Oberste Brücke
Oberste Brücke

Verweilbrücke
Blick von der Verweilbrücke

Höher, länger und schnurgerade ist die Verweilbrücke aus Holz, nur ein paar Schritte weiter, wo der Bach eine Kurve nimmt. Die Brücke am Pilzfelsen wiederum verbindet die Ufer als schmales Betonbrett.

Die Schlucht zwischen Punt Desch und Stargels hat der Flem geschaffen, unzugänglich für Wanderer. Die verborgene Schönheit sichtbar zu machen und ungewöhnliche Einblicke zu gewähren, ist die Idee des Flimser Wasserweges.

Natur inszenieren – und den Sommertourismus ankurbeln, natürlich das auch. Dazu braucht es Angebote, die als Leuchtturm funktionieren. „Zusammen mit der Rheinschlucht und dem historischen Klettersteig Pinut hat Flims nun eine dritte Attraktion. Gerade Gäste mit wenig Zeit schätzen es, wenn wir ihnen Erlebnisse kompakt präsentieren“, sagt Casty.

Eines ist dem Flimser Gastronom dabei besonders wichtig: so subtil zu gestalten, dass „der Zauber der Natur erhalten bleibt.“

Die Vision vom Wasserweg im Kopf, ist er 2008 ein paar Mal am Bach entlang gelaufen. Sprach mit Architekten im Ort, die meinten, für dieses Projekt komme nur einer in Frage: Jürg Conzett, der wohl bekannteste Brückenbauer in der Schweiz. Der war zum Glück von Anfang an begeistert von diesem Projekt. Zusammen mit Geologen haben sie den Wasserstand beobachtet und schließlich die spektakulärsten Stellen gefunden für die Brücken. Überzeugt werden wollten vor allem die heimischen Kritiker, allein mit 50 Grundstückseigentümern verhandelte man bis zur Fertigstellung 2012.

Trutg dil Flem kurz vorm Abzweig Foppa
Trutg dil Flem kurz vorm Abzweig Foppa

Egal, ob bergwärts oder von der Quelle hinab nach Flims, die Bergtour liefert ein abwechslungsreiches Wandererlebnis: mal hin zum Wasser, mal entfernt sich der Weg vom Ufer und führt entlang der oberen Hangkante der Schlucht. Immer wieder mit einem Blick auf den Flem, der sein Temperament mit der Jahreszeit wechselt: lebendig bis aufbrausend im Frühjahr, fast schon melancholisch im November, wo stattdessen die Gletschermühlen prägnanter hervortreten.

Mal aufbrausend, mal melancholisch

Über zwei Pfeiler überquert man die hölzerne Brücke Tarschlims und bleibt bis zur Punta da Max meist direkt neben dem Bach.

Punta-da-Max-Brücke
Punta-da-Max-Brücke

Sieben Brücken wurden eigens für den Wasserweg konzipiert, insgesamt gibt es entlang der Strecke noch ein paar mehr. Keine Brücke ist wie die andere konstruiert, auch das Material richtet sich nach dem Standort.
Für Wanderführer Bundin Curti ist die hohe Brücke aus Valser Gneis eine der schönsten, die den Flem unterhalb zweier Wasserfälle quert. Die Steinkonstruktion wirkt elegant und filigran – um nicht vom eigentlichen Star abzulenken: dem Wasser. Wie in Haydns „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ donnert der Flem plötzlich in die Tiefe. „Gerade im Frühling, wenn er viel Wasser hat und sich der Gischtnebel in der Sonne bricht, ist das ein Genuss für alle Sinne“, schwärmt Curti.

Er hat beobachtet, dass der 2013 eröffnete Weg vermehrt junge Leute anzieht, die nicht wie klassische Wanderer aussehen, sondern die Strecke ziemlich sportlich absolvieren. „Solche Wege motivieren und entsprechen dem derzeitigen Wandertrend“, ergänzt Casty. Bereits zwei Auszeichnungen bestätigen dies: der Nachhaltigkeits-Preis der Architektenkammer sowie der Prix Rando als Schönster Wanderweg der Schweiz 2014.

Gletschermühlen
Gletschermühlen
Flimser Wasserweg
Mal tosend, mal sanft: der Flimser Wasserweg

Nach der Muletgbrücke am unteren Ende des Weges läuft man am Waldrand über hügelige Wiesen und meint, schon bald in Flims zu sein. Könnte man auch, kurz vom „Känzeli“ mit bester Aussicht auf den Ort, geradeaus auf dem Asphalt. So sehr das vielleicht reizt: Wer die Abkürzung wählt, verpasst einen echten Märchenwald. Beziehungsweise das „Knochenbrecherstück“, wie Curti die Strecke bis zur Talstation Flims bezeichnet. Mehr kletternd als laufend geht’s über Wurzeln, bemooste Baumstämme und Felsbrocken mit einem fast schon romantischen Schlussakkord zum Ziel.

Information:

Länge: 13,4 km (ab Cassonsgrat ca. 5,5 Std., ab Naraus ca. 4 Std. Gehzeit)
Beste Wanderzeit: Mai bis Oktober
Schwierigkeitsgrad: anspruchsvoller Bergwanderweg, der aber auch von weniger Geübten (z.B. Teilstück Foppa-Flims) gegangen werden kann.
Wichtig: ausreichend zu trinken mitnehmen, feste Wanderstiefel!
Markierung: Weg Nr. 764 „Trutg dil Flem – Flimser Wasserweg“
Ein-/Ausstiege: Talstation Flims, Foppa, Naraus, Cassonsgrat Bergstation
Höhenmeter: 1.260 m
Einkehr: Segneshütte (2.002 m), geöffnet von Ende Juni bis Oktober, Tel. +41 81 927 99 25, Restaurant Stargels, Tel. +41 81 911 58 48
Anfahrt: mit dem Auto über Lindau/Bregenz, A13 über Reichenau bis Flims, mit der Bahn ab München über Zürich

Die Recherche wurde unterstützt von der Destination Flims-Laax-Falera.

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