Hat der Wein nicht geschmeckt?

Nur einen Moment lang schaue ich auf die „Weinaktion aus Italien“, die sich am Eingang des Schokoladenladens türmt. Zu lang. „Möchten Sie probieren?“, steht die junge, hoch motivierte Angestellte neben mir und entscheidet gleich selbst. „Den müssen Sie probieren!“ Ich darf wählen zwischen Pinot Grigio, Rotwein und lieblichem Rosé. „Aus Italien, ganz toller Wein“, verkündet die Schokoverkäuferin und findet auf dem Rückenetikett weitere Informationen, die sie sofort an mich weiterreicht: „Aus Umbrien kommt der. Wunderbarer Sommerwein.“ Schokohasi eilt ins Innere des Geschäfts: „Chef, hier möchte jemand den Weißwein probieren.“ Der erklärt seinem Team noch fix, dass „der Weiße kalt getrunken werden muss“ und reicht mir das gut gefüllte Glas. Normalerweise koste dieser Wein „weit über 5 Euro“. Weil er eine ganze Palette gekauft hat, wird es für mich mit 3,90 Euro aber viel günstiger, sagt der Chef. „Ach, und stören Sie sich bitte nicht am Schraubverschluss. Das macht man heutzutage auch bei guten Weinen so. Wissen Sie, es gibt einfach keine guten Korken mehr.“
Der Pinot Grigio schmeckt seiner Preisklasse entsprechend gut – soweit ich das beurteilen kann bei einem Wein mit einer Temperatur nahe dem Gefrierpunkt. Nach einem Probeschluck stelle ich mein Glas ab und betrachte die Pralinenauswahl, weshalb ich ursprünglich ins Geschäft gekommen bin. Doch der Palettenmann und seine Mannschaft sind wachsam: „Wo ist denn die Dame mit dem Wein?“, rufen die beiden Verkäuferinnen und suchen mich zwischen den Regalen. Ich bin umstellt. „Hat er Ihnen nicht geschmeckt?“, fragt die Ältere und hält mir den Rest Pinot Grigio ins Gesicht. „Da ist ja noch was drin. Soll ich das etwa wegschütten?“

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