Madeira Mosaik

Madeira

Rentnerparadies – na und? Ein Grund für Langeweile ist das noch lange nicht. Atemberaubende Bergpfade, romantische Gärten oder schroffe Steilküsten offenbaren Madeiras Reize. Müsste man Portugals Außenposten im Atlantik als Wein beschreiben, dann so: vielschichtig, komplex und farbintensiv. Eine Insel wechselt ihr Image.

Doch zuerst ein Besuch beim Althergebrachten: der Madeira Wine Company. Genauer gesagt, in deren Showroom. The Old Blandy Wine Lodge residiert parallel zur Hafenpromenade in Funchal. Hinter dem eher unscheinbaren Eingangstor führen verwinkelte Gässchen über einen kleinen Innenhof zum hauseigenen Museum. Weiß getünchte Wände und dunkelbraune Holzbalken beherbergen Probierstube, Souvenir-Shop und Cafés. In 30 Minuten vermitteln freundliche Guides Wissenswertes zum Madeirawein. Wie es früher war, als sie den Wein in Ziegenhäuten transportierten. Wie der Karamellgeschmack in den Madeira kommt. Warum Madeira ganz anders (besser natürlich) ist als Portwein.
Am Ende der Tour dürfen sich die Gäste selbst überzeugen. Je ein Glas halbsüßer Boal – drei und fünf Jahre gereift – sind inklusive im Eintrittspreis von fünf Euro. Ebenso der Hinweis, dass einem hemmungslosen Einkauf nichts im Wege steht. Die Flaschen warten später als Handgepäck hinter der Sicherheitskontrolle am Flughafen.

Ankunft in der Fenchelbucht

Dabei bin ich noch gar nicht richtig angekommen. Ich lass mich erst mal treiben durch Funchal. Sitze im Café und genieße die Sonne. Schlendere über den Mercado dos Lavradores. Die zweigeschossige Halle mit der umlaufenden Galerie ist ein Muss für Touristen. Nur gucken, nichts kaufen. Das hatte mir Jonathan eingeschärft, unser Hausmeister auf Zeit. Viele Gauner dort, sagt er. In einem Punkt hat er recht: Ziemlich voll ist es.

Mehr Menschen auf einem Fleck leben nirgends in Europa. Hey, hier ist immer Frühling. Wer kann, will dabei sein. Vor allem, wenn das Festland sich für eine neue Eiszeit wappnet wie in diesem Jahr. Da nimmt man gern in Kauf, wenn es mal etwas eng wird. Besonders in Funchal.
Fast täglich legt am Hafen einer dieser Schiffsriesen an und schickt bis zu 7.000 Kreuzfahrer über die Insel. Pünktlich um fünf Uhr am Nachmittag mahnt die Schiffshupe zum kollektiven Rückzug. Bei flüchtigem Hinhören könnte das glatt als erleichtertes Seufzen der Fenchelbucht durchgehen.

Die Markthändler reiben sich um diese Zeit längst die Hände. Morgen kommen neue Sorglose, denen sie ihre Tomaten für 16 (!) Euro das Kilo andrehen … Nun ja, man muss nicht alle Geschichten glauben. Trotzdem – die Wirte in der zona velha besitzen eine zweite Lizenz: die zum Geld drucken. Man muss kein Mathematiker sein, um das weltweit gleiche Prinzip zu erkennen. Der Preis verändert sich umgekehrt proportional zur Entfernung von den Touristenknotenpunkten. Die Qualität steigt linear.

Leben auf der Klippe

Terrassenfelder, Steilklippen, Autofahren. Madeira ist eine einzige Berg-und-Tal-Tour.

Nur was für Schwindelfreie: 580 Meter ragt der Felsen am Cabo Girão in den Himmel. Das ist Europarekord und die zweithöchste Klippe auf der ganzen Welt. Man soll sich über das Geländer beugen, um die Klippenschönheit in voller Größe zu bestaunen. Steht im Reiseführer. Von Höhenangst steht nichts drin.

Platznot treibt die Madirenser in die Höhe. Auf schmalen Terrassenfeldern bewirtschaften sie jedes noch so kleine Fleckchen Boden. Oft so steil, dass sie sich mit einem Seil rauf und runter ziehen. Das Klima ist mild, die Erde fruchtbar und fast schwarz. Perfekte Bedingungen für Bananen, Süßkartoffeln und Wein.

Der Osten Madeiras gibt sich karg. Flach, keineswegs. Senkrecht stürzen die Felswände auf der Halbinsel São Laurenco ins Meer. Wenn dazu der Wind um die Spitze pfeift, gleicht der schmale, ausgesetzte Wanderpfad zum Kap fast einer Mutprobe.

Wie das Autofahren. Genauer gesagt: Autobeifahren. Die Straßen ziehen sich steil und kurvig über die Insel. Ganz normal in den Bergen. Eigentlich. Auf Madeira definiert man Gefälle mit einem besonderen Insel-Maßstab. Hier erreichen die Gassen eine gefühlte Steigung von 60 Prozent. Mindestens. Ich würde das gern beweisen. Doch bei derlei Abfahrten kralle ich beide Hände in den Beifahrersitz – mit geschlossen Augen. Fotografieren unmöglich.

Wandern über den Wolken

Die Hochebene Paúl da Serra, das Zentralmassiv mit drei Gipfeln, liegt auf über 1.800 m – Wanderschuhe gehören zwingend ins Madeira-Gepäck. Pico Ruivo 1861 m, Madeiras höchsten Berg schaffen selbst Flachländler ohne Schnappatmung. Vom Parkplatz auf dem Hochplateau Arreiro schlängelt sich ein gepflasterter Wanderweg von 1592 m bis auf die Spitze. In rund 60 Minuten ist man heraufspaziert.

Wer es zackiger mag: Vom Pico Arieiro über den Grat in fünf Stunden zum Pico Ruivo. Die Königstour von Madeira ist selbst für Prinzen mit guter Kondition machbar. Egal wie man hochkommt, die Insel liegt dem Gipfelstürmer zu Füßen – ein traumhafter 360-Grad-Blick. Langschläfer haben allerdings schlechte Karten. Pünktlich zwischen zehn und elf Uhr zieht der Berg die Wolkendecke über den Gipfel.

Ganz schön spießig

Rindfleisch auf einen Lorbeerast stecken und ab auf die Glut damit. Dazu das typische Fladenbrot Bolo de caco mit Knoblauch bestreichen – fertig ist das Grillvergnügen auf Madeira.

Gegen diese Spieße erscheinen unsere Schaschliks wie Fleischfasern auf einem Zahnstocher. Espetada heißt das Riesenteil auf Madeira. Das sind Rindfleischstücke so groß wie eine Faust, aufgespießt auf einen Ast vom Lorbeerbaum. Unter 1,50 m geht gar nichts. Und: Grillen ist, auch hier, eine ernste Angelegenheit unter Männern. Das rohe Fleisch wird gesalzen und mit Knoblauch eingerieben. Fertig. Durch das langsame Garen über dem Holzkohlgrill zieht das Lorbeeraroma ins Fleisch – einfach lecker.

Dazu schmeckt am besten ein Bolo de caco, das typische Fladenbrot. Mit Knoblauchbutter natürlich. Die Madirenser sind so verrückt nach Espetada, dass inzwischen die Lorbeerwälder unter Naturschutz stehen. Manch einer fädelt das Fleisch deshalb auf Metallspieße und schmeisst ein paar Lorbeerblätter in die Glut fürs Aroma. Im Restaurant hängen die Espetadas direkt am Tisch an einem Gestell und jeder zieht sich seine Brocken herunter. Für „Fleischfresser“ das reinste Vergnügen.

Einzige Nebenwirkung bei diesem Grillfest verursacht der Knoblauch: drei Tage Mundgeruch wie ein Mammut.

Espetada: Fleisch auf Lorbeer gespießt

Schwarz gefischt

Espada. Noch eine Spezialität auf Madeira. Seit Jahrhunderten leben die Fischer in Camara do Lobos vom Degenfischfang. Nur in der Nacht fangen sie den Tiefseeräuber – mit kilometerlangen Leinen und neuerdings mit GPS. Sein saftiges weißes Fleisch schmeckt köstlich mit Banane und Maracuja.

Ein schwarzes Monster bin ich, sagen die Menschen. Dabei sind sie es, die mich dazu machen. Von Natur aus habe ich ein goldbraunes Schuppenkleid. Bin schlank wie ein Aal und fast 150 cm lang. Meine großen Augen funkeln wie die einer Katze. Ich lebe in der Dunkelheit, ganz unten im Meer. Aber die kleinen Fische so tausend Meter unter der Oberfläche habe ich zum Fressen gern. Nachts steige ich langsam auf, um mir diese Leckerbissen zu holen.

Genau das wird mir zum Verhängnis.

Dort lauern sie, die Fischer mit ihren Leinen, an denen diese tückischen Haken befestigt sind. Seit Jahrhunderten sind sie hinter mir und meinen Artgenossen her. Doch seit sie uns mit ihren modernen GPS-Kuttern jagen, ist es ein ungleiches Spiel.

Übrigens: Schwarz werden wir Degenfische nicht, weil wir uns ärgern, dass wir schon wieder angebissen haben. Als Tiefseefische verkraften wir den plötzlichen Druckabfall nicht und verlieren unseren schillernden Kupferton – wir färben uns schwarz. Unser Fleisch bleibt weiß und zart. Gedämpft in Bananenblättern, serviert man unsere Filets mit gerösteter Banane und Maracujasauce. Ja, wir sind schon etwas ganz Besonderes.

Der Wein aus dem Backofen

Ach ja, der Wein. Churchill liebte ihn. Napoleon ankerte auf dem Weg ins Exil in Funchal, um ein Fass an Bord zu nehmen. Bis heute sind vor allem die Briten dem gespriteten Madeira-Wein verfallen. Sein Aroma verdankt er dem Estufagem – dem „Ofenverfahren“.

Traditionell werden die Weine gekeltert aus den Rebsorten Malvasia/Malmsey, Bual, Verdelho, Sercial und etwas Terrantez – für die besten und teuersten Madeiras. Außerdem gibt es noch Tinta Negra.
In den Weinbergen im kühleren Norden gedeihen Reben, aus denen überwiegend trockene und halbtrockene Sorten erzeugt werden. An der Südküste dagegen wachsen hauptsächlich Trauben für die süßen Madeiras.

Der spezielle Geschmack entsteht durch Canteiro, eine traditionelle Methode. Auf dicken Holzbalken ruht der Wein auf dem heißen Dachboden und entlockt dem Wein seine Karamellnote. Mit dem Estufagem-Verfahren beschleunigt man heute (vor allem bei den 3-jährigen) die Reifung. Fässer oder Tanks werden erhitzt auf 45° C und verleihen dem Wein nach etwa drei Monaten den typischen Madeira-Charakter. Rund 80 Prozent der Weine bei Blandy entstehen aus Tinta Negra und erhalten schillernde Namen wie zum Beispiel Duke of Sussex.

Weltauswahl der Blumen

Madeira ist ein verwunschener Garten. Hortensien-Hecken und Lilien säumen die Straßenränder. Zypressen, Palmen und Jacarandabäume verbreiten exotisches Flair. Doch kaum eine Blume stammt wirklich von hier.

Ein botanischer Garten muss sein. Einer. Aber welcher, es gibt drei! Will ich im Jardim botanico alle auf Madeira vorkommenden Pflanzen bewundern? Oder lieber im Palheiro Garden flanieren, diesem Mix aus englischer und französischer Gartenkultur? Ich entscheide mich für den Palace Tropical Garden in Monte. Den mit den hübschen Azulejos und dem traumhaften Blick hinunter in die Bucht von Funchal. Von dort kann man ganz stilvoll mit der Seilbahn einschweben – etwa zehn Minuten gondelt man ins 400 Meter hoch gelegene Monte.

Blumen, Farne und Bäume aus der ganzen Welt haben hier ein neues Zuhause gefunden. Die Strelitzie gilt als Königin unter Madeiras Blumen. Wie eine Krone trägt sie ihre orangefarbene Blüte. Dabei findet man die schrille Hohheit eher in der Nebenrolle – zwischen den Reben oder als Spalier in der Einfahrt. Aus ihrer Heimat Südafrika brachte sie gleich den ganzen Hofstaat mit: Protea, Aloe und Kalla.

Als der portugiesische Kapitän Zarco auf der „Holzinsel“ einst anlegte, wucherten nur Bäume. Und der wilde Fenchel, nach dem die Mannschaft ihre erste Siedlung nannten: Funchal.

Süßer k.o.

Jetzt, wo das Tomatensafträtsel geknackt ist, wissen wir: In großer Höhe schmeckt es besser. Uns gelüstet es dort nach Dingen, um die wir auf Erden einen Bogen schlagen. Das erklärt einiges. Madeira ist genau genommen ein 4000 Meter hohes Vulkangebirge. Ich schätze mal, ich saß ganz oben, als mich der zuckersirupartige Malmsey von Blandy verführte. Ein kaffeebrauner Traum von Karamell und Trockenfrüchten … Ach was, ein schwerwiegender Kalorienangriff war das! Aufgetischt von Blandy’s Komplizen Bolo do mel. Diesen üppig-weihnachtlichen Honigkuchen sollte man wirklich nicht aus den Augen lassen.

Noch schärfer treibt es allerdings Poncha. So süß, so hinterhältig. What a punch …! Madeiras schlagkräftiger Racheengel lauert in jeder Bar: Zuckerrohrschnaps, Honig, Zitronensaft – mit dem „Pimmelchen“ durcheinandergewirbelt. Das Ding bekam seinen Namen durch die phallische Form. Aber Achtung: Wer schwach wird, bereut das bitter. Die honigblonde Süße beschert nichts als einen Brummschädel. Doch der nächste Morgen ist bekanntlich weit …

Funchal Hafen

1 Comment

  • Renate sagt:

    Toller Bericht einer Insel, die ich gut kenne und auch bald mal wieder aufsuchen werde.

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