Berlin: eine Show wie nicht von dieser Welt

Berlin Brandenburger Tor
Berlin, Brandenburger Tor

Normalerweise ist es keine gute Idee, eine Stadt während einer großen Messe zu besuchen. Zu viel Gedränge, zu wenig Zimmer, zu hohe Preise. In Berlin relativiert sich das irgendwie. Die Hauptstadt ist selbst dann noch erstaunlich günstig im Vergleich zu anderen Metropolen der Welt, zumindest außerhalb der zentralen Touristenfallen. Aber die gibt es ja überall. Und da ich wegen der ITB sowieso schon da bin, hänge ich noch zwei Tage dran.

Das Wetter ist weder gut noch schlecht an diesem Märzwochenende, hellgrau trifft es am ehesten. Doch ein eisiger Wind kriecht selbst in die Daunenjacke, so dass ich mich nach kurzer Zeit ins Warme wünsche. Auf eine Shopping-Mall habe ich keine Lust, obwohl es in Berlin eine gibt, die anders ist als andere: die Bikini-Konzept-Mall am Zoologischen Garten.

Also ab ins Museum. Aber in welches? Die Nofretete besuchen auf der Museums-Insel oder lieber ins Schloss Charlottenburg? Spy-Museum oder Curry-Wurst-Museum? Letzteres klingt zwar verlockend, doch so kurz nach dem Frühstück entscheide ich mich für die Spionage.

Hauptstadt der Spione: Spy-Museum am Potsdamer Platz

Wo einst die Mauer die Stadt teilte, kann man sich seit November 2015 auf die Spuren von Spitzeln und Agenten begeben. Rund 300 Originale aus den Werkzeugkoffern der Spionage-Branche sind auf den 3.000 Quadratmetern zu sehen – von den Vorfahren des James Bond, die vor 3.500 Jahren ihre Mitmenschen ausspähten, bis zur Realität des Agentenalltags während des Kalten Krieges. Die Ausstellung ist interaktiv mit vielen Videos und Audio-Erklärungen plus einigen spielerischen Elementen. Wie der Laser-Parcour, bei dem man durch ein Netz von Lichtschranken kommen muss, ohne den Alarm auszulösen. Woran ich grandios gescheitert bin, schon in der Anfängerstufe.
Wer sich für das Thema im Detail interessiert, findet hier eine gut aufbereitete Dokumentation, sollte aber auch ein wenig Zeit mitbringen. Der Eintrittspreis ist mit 18 Euro ist trotzdem ziemlich heftig.

Spy-Museum am Potsdamer Platz

Kreuzberg: Markthalle Neun

Samstagmittag herrscht viel Gedränge zwischen den Ständen, Sitzplätze sind rar und werden entsprechend verteidigt. Wer nicht gerade seinen Wocheneinkauf erledigt, trifft sich mit Freunden zum späten Frühstück oder Lunch in der Markthalle Neun in Kreuzberg. Hier ein Brötchen mit Lachs, der in Gin eingelegt war, dort eine Kugel Eiscreme mit schwarzem Sesam, gefolgt von Kalbsrippchen, Buletten in vier Varianten und dem in der Markthalle gebrauten Craft Bier von Heidenpeters – ich mag das Herumprobieren über alles.

Das Gebäude gehört zu den drei letzten erhaltenen von ehemals 14 Markthallen in Berlin, die Ende des 19. Jahrhunderts die offenen Wochenmärkte ablösten. Ziemlich genau hundert Jahre später stand das Markttreiben hier vor dem Aus, nicht zuletzt durch die Übermacht der Discounter. Vor einigen Jahren dann das Comeback als Marktplatz für Frisches und Gutes aus der Region. Mit dabei: eine gläserne Bäckerei, eine Fisch- und Fleischräucherei, eine kleine hauseigene Brauerei, eine vegane Käse-Kuchenmanufaktur und eine Kantine, bei der man den Köchen über die Schulter schauen kann. Zusätzlich zu den drei Wochenmarkttagen findet am Donnerstagabend ein Street-Food-Markt statt.

Markthalle Neun

Berliner Buletten mal anders

Berlin-Mitte: Grand Show im Friedrichstadt-Palast

Als ich ein paar Tage zuvor vom Friedrichstadt-Palast die Einladung erhielt, mir The Wyld anzusehen, war ich skeptisch. Mit Shows oder Musicals konnte ich mich bisher nie so richtig anfreunden. Andererseits reizte es mich, die modernste und größte Showbühne Europas zu erleben. Und die Grand Show soll nicht irgendeine sein, sondern die aufwändigste, die je außerhalb von Las Vegas produziert wurde. Die New York Times nennt den Palast gar eines von zehn Must-see in Berlin. Also sage ich zu – und habe es keine Sekunde bereut. Die Atmosphäre im Foyer wie auch im Saal ist locker und unaufgeregt, der Beginn der Vorstellung fließend. Während die letzten noch ihre Plätze suchen, startet der Pantomime auf der Bühne sein Vorspiel. Was dann folgt, sind 90 kurzweilige Minuten voller Musik, Tanz und Akrobatik. Allein die Girls-Reihe des Balletts ist genial: 70 Beine, wenn ich richtig gezählt habe, fliegen synchron durch die Luft.

„Sie sind unter uns. Das ahnt jeder, der sich durch Berlins nächtliche Paralleluniversen treiben lässt. Lebensformen aller Couleur werden angezogen vom ‚anything goes‘ dieser Stadt“, schreibt der Palast über die Charaktere, die uns in der Show begegnen. Anders als bei einem Musical gibt es keinen roten Faden, The Wyld zeigt die Menschen und ihr Leben in der Wildnis der Großstadt: den BMX-Fahrer, Nofretete, eine Drag-Queen, Aliens … Der Mix ist wie die Show selbst: modern, archaisch, skurril und futuristisch.

Le Grand Show im Friedrichstadt-Palast Berlin

Manfred Thierry Mugler, früher selbst Ballett-Tänzer und auch bekannt als Parfumeur, sowie Showmacher Roland Welke hatten die Idee zur Show und führen Regie. Eine Wahnsinns-Produktion auch hinsichtlich der Kosten: mehr als zehn Millionen Euro kostete The Wyld, teurer sind nur die Shows in Las Vegas. Das Budget ist damit das größte in der Geschichte des Hauses, das 1919 als Großes Schauspielhaus von Max Reinhardt gegründet wurde und sich seit 1984 am heutigen Standort in der Friedrichstraße 107 befindet.

Klasse finde ich, dass man für die Pause einen Tisch samt Snacks und Getränken reservieren kann, die dann pünktlich bereitstehen. Es geht sicher auch ohne Pausenverpflegung, doch ein Glas Champagner oder Wein rundet den Besuch stilvoll ab.

Neukölln: Blutkuchen mit Spiegelei

Ein Restaurant für Fortgeschrittene habe ich in Neukölln entdeckt: Industry Standard. Wobei der Name nicht ganz richtig ist, Standard ist hier kaum etwas. Nicht die Speisekarte und erst recht nicht der Geschmack. Der ist einfach genial. Das Hauptgericht habe ich weggelassen (und sicherlich etwas verpasst), aber allein die Vorspeisen klangen so vielversprechend, dass ich sie einfach alle bestellen musste. Naja, fast alle.

Speisekarte vom Industry Standard

Friedrichshain: East Side Gallery

Direkt gegenüber vom Ostbahnhof steht das längste noch erhaltene Stück Berliner Mauer, die sich seit einem Vierteljahrhundert nun als East Side Gallery bis zur Oberbaumbrücke zieht. Aus dem Horrorsymbol staatlicher Unterdrückung ist ein Kunstwerk geworden, das in kreativer Weise deutsche Geschichte lebendig hält. Da bleibt es nicht aus, dass überaus widersprüchliche Interessen aufeinanderprallen. Für Investoren geht es um ein hochinteressantes Filetgrundstück an der Spree, für die Künstler um ihre Kunst und in den Bildern um Überwindung von Diktaturen, fast immer um die Freiheit. Etwas, das im Alltag einem allzu selbstverständlich vorkommt. Als ich an der Mauer entlang gehe, an den Bildern, die ich 1989 so oft in den Medien gesehen habe, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass an dieser Mauer die Welt der einen zu Ende war. Und laufe über die Brücke hinüber nach Kreuzberg. In den Westen.

East Side Gallery

Kreuzberg & Charlottenburg: Bio-Currywurst vom Apfelschwein

Leckere Currywurst (Bio, vom Havelländer Apfelschwein) habe ich zum Abschluss natürlich auch noch gegessen und zwar bei Curry36. Der Imbiss am Kreuzberger Mehringdamm ist mittlerweile eine Institution in Berlin, wo die Leute tatsächlich meterlang Schlange stehen – Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, der hier schon einen Boxenstopp einlegte, ebenso wie die Nachtschwärmer aus dem Kiez. Bis um fünf Uhr morgens gehen dort die Würste über den Tresen, sieben Tage die Woche.

Adressen und Information

Hin- und Herkommen:
Am bequemsten kommst du in Berlin von A nach B mit der Berlin Welcome Card ab 19,50 Euro. Darin eingeschlossen sind alle Fahrten mit S- und U-Bahn, Bus oder Straßenbahn sowie ein Guide mit Tourenvorschlägen und Insidertipps. Für viele Aktivitäten wie Stadtrundfahrten oder den Eintritt ins Museum erhältst du Rabatt.

Erleben:
Friedrichstadt-Palast, Berlin-Mitte, Friedrichstraße 107 (Nähe S-Bahn Friedrichstraße), www.palast.berlin; The Wyld – Nicht von dieser Welt läuft noch bis Juli 2016.
Spy-Museum, Berlin-Mitte, Leipziger Straße 9 (Potsdamer Platz), www.spymuseumberlin.com
East Side Gallery, Berlin-Friedrichshain (Start am Ostbahnhof), www.eastsidegallery-berlin.de

Essen & Trinken:
Markthalle Neun, Berlin-Kreuzberg, www.markthalleneun.de
Restaurant Industry Standard, Berlin-Neukölln, Sonnenallee 85, www.industry-standard.de
Curry 36, Berlin-Kreuzberg, Mehringdamm 36 und am Bahnhof Zoologischer Garten, www.curry36.de

VisitBerlin hat meinen Aufenthalt freundlicherweise mit der Berlin Welcome Card unterstützt.

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